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Kommunikation und Psychologie der Gerüchte: Wie sie entstehen und sich verbreiten

Warum entstehen Gerüchte und warum verbreiten sie sich so schnell? Prof. Dr. Falk Tennert zeigt aus psychologischer und kommunikationswissenschaftlicher Sicht, wie Gerüchte entstehen, wachsen und warum ihr Einfluss schwer zu steuern ist.

Drei Frauen sitzen in einem Café und unterhalten sich. Eine Frau mit langen roten Haaren gestikuliert lebhaft, während die anderen aufmerksam zuhören.

Gerüchte gibt es schon lange. Der französische Management- und Marketingforscher Jean-Noel Kapferer sagte einmal, Gerüchte seien das älteste Massenmedium der Welt. Früher verbreiteten sie sich in der interpersonalen Kommunikation, dadurch war ihre Verbreitung überschaubar. Durch medienvermittelte Kommunikation, vor allem durch soziale Medien, können sich Gerüchte sehr schnell verbreiten und erreichen viele Empfänger. Besonders soziale Medien bieten die nötige Vernetzung, Geschwindigkeit und Anonymität im digitalen Raum, die für die Diffusion von Gerüchten ideal sind.

In der sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung sind Gerüchte eher ein exotisches Thema, sagt Prof. Dr. Falk Tennert, Professor für Wirtschaftspsychologie mit Schwerpunkt Medien und Kommunikation an der SRH Fernhochschule. Doch durch strukturähnliche Konzepte wie Fake News oder Desinformation werden Gerüchte zuletzt stärker erforscht. Wir werfen einen genaueren Blick auf das Thema.

Prof. Dr. Tennert, was sind Gerüchte?

Zum Begriff des Gerüchts gibt es eine Vielzahl an Definitionen. Die meisten Definitionen beschreiben das Gerücht als eine unbestätigte und instrumentell relevante Information, die im Umlauf ist und in Situationen der Unklarheit entsteht. Der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke hat einmal festgehalten, dass der Reiz von Gerüchten nicht in der Frage liegt, ob die Information richtig oder falsch ist, sondern eher im Empfangen und Weitergeben von außergewöhnlichen Botschaften. Es geht also um Neugier und um Ungewöhnliches. 

Wie entstehen Gerüchte?

Gerüchte entstehen in der Regel durch einen Mangel an Informationen, etwas bleibt unklar und wird nicht oder nur ansatzweise erklärt. Ihre Entstehung wird begünstigt, wenn die offizielle Kommunikation nicht ausreicht, unidirektional ist, Informationsquellen unglaubwürdig oder Situationen unsicher sind. Hierfür gibt es im privaten, gesellschaftlichen oder unternehmensbezogenen Bereich unzählige Beispiele.

Gerüchte haben vor allem in organisational oder gesellschaftlich instabilen Zeiten Hochkonjunktur. Auch werden Gerüchte bewusst gesetzt, um Stimmungen (in Gruppen oder einer Gesellschaft) negativ zu beeinflussen. Im Wirtschaftsleben spielen sie ebenfalls eine große Rolle (Stichwort Märkte und Gerüchte), man denke hier beispielsweise an Entlassungs-, Übernahme- oder Finanzgerüchte. Gerüchte öffnen hier Erwartungen und schaffen Handlungsspielräume.

Welche Arten von Gerüchten gibt es?

Allgemein unterscheidet die kommunikationswissenschaftliche Forschung zwischen intentionalen und nicht-intentionalen Beweggründen für die Verbreitung von Gerüchten. Intentionale Ursachen können Leidenschaft, etwa in zwischenmenschlichen Beziehungen, Parteilichkeit, politischer Einfluss oder Propaganda sein. Hier werden also absichtlich Falschinformationen gestreut, beispielsweise um den politischen oder wirtschaftlichen Gegner zu schädigen. Zu den nicht-intentionalen Ursachen zählt etwa das kommunikative Vakuum, also eine unzureichende Kommunikation, oder emotionale Ursachen.

Zudem lassen sich Gerüchte nach ihren Funktionen klassifizieren. Eine dieser Klassifikationen geht auf Manfred Bruhn zurück. Er unterteilt u.a. in Angstgerüchte, aggressive oder erklärende Gerüchte. Angstgerüchte treten beispielsweise in organisationsbezogenen Change-Prozessen, bei gesundheits- oder Sicherheitsrisiken auf. Das aggressive Gerücht basiert auf Neid, Hass oder psychischer Gewalt und dient dazu, Loyalitäten zwischen Personen oder Gruppen zu zerstören.

Wie verbreiten sich Gerüchte?

Der klassische Verbreitungsweg von Gerüchten ist die interpersonale Kommunikation, also das persönliche Gespräch. Inzwischen spielt jedoch medienvermittelte Kommunikation vor allem in sozialen Medien eine sehr große Rolle. Diese ermöglicht eine schnelle Verbreitung an einen potenziell größeren Empfängerkreis. Die Diffusion von Gerüchten lässt sich mit Modellen aus der Thematisierungs- oder Agenda Setting-Forschung beschreiben: es gibt eine aufsteigende Aufmerksamkeit, einen Höhepunkt und ein abflachendes Interesse. Um wieder Gerhard Maletzke zu bemühen: Jedes Gerücht hat gleichsam eine eigene Lebensgeschichte: Es entsteht, wächst, erreicht einen Höhepunkt und endet oder vergeht irgendwie und irgendwann. Im Prozess der Diffusion modifizieren sich Gerüchte, indem etwa Details hinzugefügt, hervorgehoben oder angepasst werden.

Wie gehen wir gut mit Gerüchten um?

Das ist eine spannende Frage mit gleichzeitig ernüchternder Erkenntnis. Gerüchte lassen sich nur schwer steuern und einhegen, das gilt vor allem für sehr glaubwürdig erscheinende und plausible Erzählungen. Grundsätzlich sind die Möglichkeiten im Umgang mit Gerüchten von sehr vielen Randbedingungen abhängig: Erfolgte die Gerüchtekommunikation in Kleingruppen, in Organisationen, in Medien; wie groß ist die Streuung und die Glaubwürdigkeit oder Passung eines Gerüchts.

Für den Umgang mit Gerüchten stehen verschiedene Strategien zur Verfügung, etwa in Form des Dementis, der Aufklärung, des Agenda Cuttings - Ablenkung schaffen und neue Themen oder Sichtweisen setzen -, das Nicht-Reagieren oder auch das Lächerlich-Machen des Urhebers oder Inhalts. Als wirkungsvoll wird die Aufklärung angesehen, als eher nutzlos gilt das Dementi. Insgesamt ist der Umgang mit Gerüchten jedoch schwierig. Eine sichere Erfolgsstrategie gibt es nicht.

Und was nehmen wir für uns daraus mit?

Gerüchte lassen sich kaum vollständig kontrollieren. Ihre Dynamik entsteht aus Unsicherheit, Emotionen und Kommunikation. Gerade in digitalen Netzwerken verbreiten sie sich schnell und verändern sich ständig. Umso wichtiger ist ein reflektierter Umgang mit Informationen. Transparente Kommunikation, glaubwürdige Quellen und ein kritischer Blick auf außergewöhnliche Nachrichten können dazu beitragen, die Wirkung von Gerüchten zu begrenzen.

Für Forschung und Praxis im Kontext der öffentlichen, organisationalen oder nachrichtendienstlichen Kommunikation bleibt das Thema deshalb relevant. Denn wer versteht, wie Gerüchte entstehen und sich verbreiten, kann Kommunikation in Organisationen, Medien und Gesellschaft bewusster gestalten – oder sich gegen Manipulationsversuche ein Stück weit immunisieren.

Zum Schluss noch zwei lesenswerte Sammelbände zum Thema:

  • Manfred Bruhn und Werner Wunderlich (2004): Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform. Haupt: Bern, Stuttgart.
  • Markus Appel (2020): Die Psychologie des Postfaktischen. Springer: Berlin.
Ein Mann in einem Anzug steht entspannt vor einer Glaswand, umgeben von Pflanzen. Er trägt eine Brille und hat die Hände in den Taschen.

Prof. Dr. Falk Tennert ist Professor für Wirtschaftspsychologie – Schwerpunkt Medien und Kommunikation an der SRH Fernhochschule und Studiengangsleiter für Wirtschaftspsychologie (B.Sc.).

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