
Der Umgang mit Extremismus ist für Fachkräfte der Sozialen Arbeit kein Randthema mehr, sondern Teil des beruflichen Alltags. Im Interview geben Prof. Dr. Simon Wilhelm Kolbe (SRH University) und Henning-Schulz Hunger (SRH Fernhochschule) Einblicke.
Der Umgang mit Extremismus ist für Fachkräfte der Sozialen Arbeit kein Randthema mehr, sondern Teil des beruflichen Alltags. Im Interview geben Prof. Dr. Simon Wilhelm Kolbe (SRH University) und Henning-Schulz Hunger (SRH Fernhochschule) Einblicke.

Herr Prof. Dr. Kolbe, Herr Schulz-Hunger, wie hat sich die Situation rund um extreme und extremistische Haltungen in der Sozialen Arbeit in den letzten Jahren verändert?
Simon W. Kolbe: Es lässt sich beobachten, dass extremistische Positionen heute deutlich sichtbarer im öffentlichen Raum und in digitalen Medien auftreten als noch vor einigen Jahren. Das betrifft insbesondere rechtsextreme Strömungen, aber auch andere Formen ideologisch aufgeladener Feindbilder, die in den Berufsalltag von Fachkräften der Sozialen Arbeit dringen.
Henning Schulz-Hunger: Aber auch in anderen pädagogischen Bereichen wie beispielsweise in Schulen oder in der Religionspädagogik werden extremistische, vor allem rechtsextremistische Fälle dokumentiert. Eine kürzlich erfolgte Umfrage durch den bayerischen Rundfunk an weiterführenden Schulen zeigt, dass es bei zwei Dritteln der befragten Schulen zu rassistischen, antisemitistischen bzw. queerfeindlichen Vorfällen kam. (Quelle: BR Recherche: Viele rechtsextreme Vorfälle an Bayerns Schulen | BR24)
Was bedeutet das konkret für die Praxis der Sozialen Arbeit?
S.W.K.: Zum einen begegnen Fachkräfte häufiger direkten Anfeindungen oder abwertenden Äußerungen, etwa in Gesprächen, in Einrichtungen oder in sozialen Netzwerken. Zum anderen werden Klient:innen und Zielgruppen der Sozialen Arbeit stärker von extremistischen Akteur:innen adressiert, die versuchen, vorhandene Unsicherheiten, Ungleichheiten und Ängste zu instrumentalisieren.
H.S.-H.: Im Rahmen von Veranstaltungen mit dem Thema Extremismus berichten Studierende zunehmend von extremistischen bzw. rechtsextremistischen Vorfällen in ihren Handlungsfeldern.
Warum sind Klient:innen der Sozialen Arbeit aus Ihrer Sicht besonders von extremistischen Einflüssen oder Anfeindungen betroffen?
S.W.K.: Viele Adressat:innen der Sozialen Arbeit gehören zu vulnerablen oder marginalisierten Gruppen, die wenig gesellschaftliche Lobby haben und häufiger Diskriminierung erfahren. Daher werden sie zur Zielscheibe von extremistischen Akteur:innen und auf der anderen Seite zu potenziellen Zielgruppen, die über vermeintlich ‚hilfreiche‘ Angebote oder Zugehörigkeitsversprechen angesprochen werden.
Geht es eher darum, dass Menschen Opfer von Extremismus werden, oder beobachten Sie auch eine erhöhte Anfälligkeit für Radikalisierung?
H.S.-H.: Wie gerade erwähnt, spielt beides eine Rolle: Klient:innen können Opfer von Bedrohungen, Hass, Ausgrenzung oder Gewalt werden, etwa aufgrund von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Lebensweise. Gleichzeitig können Personen in belastenden Lebenslagen empfänglicher für einfache Antworten, starke Autoritätsfiguren und klare Zugehörigkeitsangebote sein, die extremistische Gruppen gezielt inszenieren.
Welche zentralen Herausforderungen entstehen für die Soziale Arbeit, wenn extremistische Haltungen im Feld präsent sind, auch bei Fachkräften selbst?
H.S.-H.: Wenn rechtsradikale oder andere extremistische Überzeugungen bei Mitarbeitenden auftreten, kann das Vertrauen in Einrichtungen massiv beschädigt werden, insbesondere bei Menschen, die selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Es besteht zudem die Gefahr, dass Klient:innen bewusst oder unbewusst abgewertet, schlechter beraten oder von Angeboten ausgeschlossen werden. Das steht im Widerspruch zu den fachlichen Leitprinzipien von Menschenrechten, Gerechtigkeit und Anerkennung von Vielfalt.
Wie wirkt sich das auf Teams und Organisationen aus?
S.W.K.: Extremistische Einstellungen können Arbeitskulturen beeinflussen, etwa wenn diskriminierende Sprüche bagatellisiert oder relativiert werden, oder wenn Führungskräfte entsprechende Haltungen dulden. Daraus entstehen ethische Konflikte für Kolleg:innen, die sich an Berufs- und Ethikkodizes der Sozialen Arbeit orientieren und diese Werte im Arbeitsalltag verteidigen müssen.
Welche extremistischen Strömungen spielen in Ihrer Lehre zur Sozialen Arbeit eine Rolle?
S.W.K.: Grob unterscheiden wir Rechtsextremismus, Linksextremismus, religiös begründeten Extremismus, Reichsbürger und Selbstverwalter, auslandsbezogenen Extremismus sowie Bestrebungen, die auf eine verfassungsfeindliche Delegitimierung des Staates zielen. Wichtig ist uns, dabei immer phänomenübergreifend Ideologien der Ungleichwertigkeit, die Legitimation von Gewalt und die Ablehnung demokratischer Verfahren in den Blick zu nehmen.
Was passiert an Hochschulen beispielsweise auch an der SRH Fernhochschule und der SRH University konkret, um künftige Fachkräfte auf diese Herausforderungen vorzubereiten?
H.S.-H.: Im Studiengang Soziale Arbeit spielen Lehrveranstaltungen zu Menschenrechten, Demokratieförderung, Diversität und Extremismusprävention eine immer größere Rolle. Hinzu kommen Studientagungen, Workshops und Projektseminare, in denen Studierende Fälle aus der Praxis diskutieren und eigene Handlungsstrategien entwickeln.
Welche Schwerpunkte setzen Sie dabei?
S.W.K.: Wichtig sind Sensibilisierung für extremistische Positionen, Aufklärung über Rekrutierungs- und Kommunikationsstrategien, insbesondere in sozialen Medien, sowie die Förderung demokratischer Werte und Zivilcourage. Studierende sollen lernen, Grenzverletzungen zu erkennen, professionell zu intervenieren und dabei sowohl die eigene Sicherheit als auch die Beziehung zu Klient:innen im Blick zu behalten.
Welche Rolle spielen Schulsozialarbeit und Erlebnispädagogik als Maßnahmen in der Prävention von Extremismus?
S.W.K.: Schulsozialarbeit kann Brücken bauen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Eltern und außerschulischen Angeboten und so frühzeitig Konflikte, Ausgrenzung und Radikalisierungstendenzen erkennen. Interdisziplinäre Kooperationen wie z. B. mit der Schulpastoral oder mit Vereinen bieten gute Möglichkeiten, junge Menschen für Herausforderungen mit Extremismus vorzubereiten.
H.S.-H.: Erlebnispädagogische Projekte fördern Selbstwirksamkeit, Teamfähigkeit und Perspektivenwechsel und schaffen gleichzeitig Begegnung. Dadurch können Vorurteile abgebaut werden, da erlebt wird, dass Menschen entgegen der eigenen Meinung anders sind als angenommen und sich die negativen Zuschreibungen nicht bestätigen.
Wie können Fachkräfte in der Sozialen Arbeit darauf reagieren, ohne selbst in politische Polarisierung hineingezogen zu werden?
H.S.-H.: Entscheidend ist eine klare professionelle Haltung, die sich an Menschenrechten, der Würde jedes Menschen und demokratischen Prinzipien orientiert, nicht an parteipolitischen Linien. Darauf aufbauend braucht es Medienkompetenz, Reflexionsräume, interdisziplinäre Kooperation und die Bereitschaft, sich auch mit unbequemen Themen fortlaufend auseinanderzusetzen.

Marketing & Sales / Press & Media Relations

Henning Schulz-Hunger ist Fachdozent für Soziale Arbeit an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. Seine Themenschwerpunkte sind neben der Sozialen Gruppenarbeit die Bereiche Kitasozialarbeit, schulische Sozialisation sowie Gewalt in Kitas und Schulen. Er engagiert sich ehrenamtlich in einer Kita sowie in einer weiterführenden Schule und führt dabei regelmäßige Workshops im Bereich der Erlebnispädagogik durch.
Kontakt: henning.schulz-hunger@mobile-university.de

Prof. Dr. Simon W. Kolbe lehrt an der SRH University am Standort Fürth. Er promovierte am Lehrstuhl für Sozial- und Gesundheitspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und untersuchte inklusive Kompetenzen bei Schüler:innen. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind: Lernen durch Lehren, bedürfnisorientierte Ethik und Menschenrechtsarbeit, Flucht und Migration, Inklusion und Teilhabe sowie Religiosität und Spiritualität.
Kontakt: simon.kolbe@srh.de