SRH Fernhochschule - The Mobile University
Pressemitteilung

Über die Gründe für den Kontaktabbruch erwachsener Kinder und die Frage, wann Beziehungen eine neue Chance haben

„Du hast doch nur die eine Mutter und Blut ist schließlich dicker als Wasser!“ Was noch immer als gesellschaftliches Tabu gilt, erhält in Foren, sozialen Netzwerken und Medien zunehmend Aufmerksamkeit: der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern.

Ein kleines Mädchen mit schulterlangen Haaren hält sich die Hände vor das Gesicht, während zwei Personen im Hintergrund stehen.

„Du hast doch nur die eine Mutter und Blut ist schließlich dicker als Wasser!“ Was noch immer als gesellschaftliches Tabu gilt, erhält in Foren, sozialen Netzwerken und Medien zunehmend Aufmerksamkeit: der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern. Doch was veranlasst Menschen zu diesem Schritt? Welche Gründe einer solchen Entscheidung zugrunde liegen können und wann es sich lohnt, um eine Beziehung zu kämpfen, erklärt Professorin für Entwicklungspsychologie und Wirtschaftspsychologie, Prof. Dr. Julia Zwank, von der SRH Fernhochschule – The Mobile University. 

Anspannung schon Tage vor der geplanten Begegnung, Schweißausbrüche währenddessen und eine tiefe Erschöpfung im Anschluss. Manchen Menschen geht es so vor, während und nach einem Treffen mit den eigenen Eltern – und viele fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt, dass sie so empfinden. In sozialen Netzwerken und Online-Foren berichten erwachsene Kinder darüber, wie sie sich allein beim Gedanken an Mutter und Vater fühlen, was in ihrer Familie vorgefallen ist und warum sie den Kontakt eingeschränkt oder vollständig abgebrochen haben. Gleichzeitig schildern Eltern, dass sie die Entscheidung ihrer Kinder kaum oder überhaupt nicht nachvollziehen können und sich fragen, was eigentlich passiert ist.

 

Zwischen Entfremdung und Kontaktabbruch: Für viele Erwachsene Teil der eigenen Familiengeschichte

Entfremdung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern ist kein seltenes Phänomen. Das bestätigen auch Daten aus der Forschung. So ergab eine deutsche Langzeitstudie auf Basis des German Family Panel (Arránz Becker & Hank, 2022) mit mehr als 10.000 Befragten, dass rund 20 Prozent innerhalb des zehnjährigen Untersuchungszeitraums mindestens zeitweise eine Phase der Entfremdung von ihrem Vater erlebten; bei der Mutter waren es neun Prozent. Dabei umfasste „Entfremdung“ sowohl fehlenden Kontakt als auch seltenen Kontakt in Verbindung mit geringer emotionaler Nähe.

Abwertungen, Beschämung, verbale Gewalt: Wenn eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung bis ins Erwachsenenalter belastet

Eltern und Kinder können auf dieselbe Familiengeschichte zurückblicken und dennoch zu völlig unterschiedlichen Bewertungen gelangen. Wie lässt sich das erklären? Welche Rolle spielen wiederkehrende Abwertungen, Beschämung oder verbale Gewalt? Und wann kann ein Kontaktabbruch eine nachvollziehbare Konsequenz sein?

Prof. Dr. Julia Zwank, Professorin für Entwicklungs- und Wirtschaftspsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University, beschäftigt sich unter anderem mit den psychischen und körperlichen Folgen belastender Beziehungserfahrungen. Im Interview erklärt sie, warum das Nervensystem alte Erfahrungen über Jahrzehnte speichern kann, weshalb es für einen Kontaktabbruch nicht zwangsläufig das eine einschneidende Erlebnis braucht - und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Annäherung gelingen kann.

Frau Prof. Dr. Zwank, was passiert psychologisch und körperlich, wenn die eigenen Eltern dauerhaft Stress, Anspannung oder Angst auslösen? Wie reagiert dabei das Nervensystem und sollten Eltern nicht Liebe, Wärme und Verständnis ausstrahlen?

Zwank: „Das ist das eigentlich Grausame daran. Ein Kind ist von Natur aus darauf angelegt, bei seinen Eltern Schutz zu suchen; sie sind der Hafen, in den es bei jedem Sturm zurückkehrt. Was aber, wenn dieser Hafen selbst der Sturm ist? Dann steckt das kindliche Gehirn in einem Widerspruch, den es nicht auflösen kann. Mary Main und Erik Hesse haben das „fright without solution" genannt – Angst ohne Ausweg. Das Kind will zu dem Menschen hin, der es beruhigen soll, und müsste im selben Moment vor ihm fliehen. Beides zugleich geht nicht, und diese innere Zwickmühle lässt sich nicht auflösen. Sie hinterlässt tiefe Spuren darin, wie ein Mensch später Nähe erlebt (Main & Hesse, 1990).

Im Körper läuft dann ein uraltes Notfallprogramm an. Die Stress-Achse schüttet Cortisol aus, die Amygdala, die Alarmzentrale des Gehirns, wird überempfindlich und springt schon bei Kleinigkeiten an, während der präfrontale Kortex, der eigentlich bremsen und beruhigen soll, unter diesem Dauerdruck schlechter ausreift. Gegen die eigenen Eltern kann ein Kind weder fliehen noch kämpfen. Also bleibt ihm meistens nur, sich klein zu machen und anzupassen.

Hält ein solcher Zustand über Jahre an, sprechen wir von toxischem Stress, und der geht nicht einfach vorüber, sondern prägt das reifende Gehirn mit (Shonkoff et al., 2012). Ein Stresssystem, das früh auf Daueralarm eingestellt wurde, reagiert oft noch beim Erwachsenen überschießend; die große ACE-Studie (adverse childhood experiences) hat gezeigt, dass sich solche frühen Belastungen bis in die körperliche Gesundheit Jahrzehnte später nachweisen lassen (Felitti et al., 1998).

Natürlich sollten Eltern der sichere Hafen sein. Dass es vielen nicht durchgehend gelingt, hat selten mit Bosheit zu tun. Nur registriert das kindliche Nervensystem eben nicht die Absicht, sondern die Wirkung.“

Diesen Stress empfinden dann viele Menschen auch im Erwachsenenalter. Ihnen geht es bereits vor dem Treffen mit den Eltern schlecht: angespannt, permanent auf der Hut, gereizt, danach erschöpft. Wie lässt sich das erklären?

Zwank: „Wenn ich in meinen Seminaren und Key Notes über dieses Thema spreche, gehen im Publikum reihenweise die Köpfe nach unten. Einmal kam eine Frau zu mir, im Beruf offensichtlich eine Führungspersönlichkeit, und sagte mit brüchiger Stimme: „Mir wird schon drei Tage vor dem Geburtstagskaffee bei meinen Eltern schlecht. Am Tisch bin ich in Habachtstellung, abends bin ich zerstört. Stimmt etwas nicht mit mir?“

Natürlich ist das ganz sicher nicht so. Im Gegenteil! Da arbeitet ein bestens trainiertes Nervensystem genauso, wie es das einmal gelernt hat. Der Körper hat vor langer Zeit abgespeichert, dass in der Nähe dieser bestimmten Menschen Wachsamkeit überlebenswichtig ist. Dieses Wissen liegt nicht im bewussten Denken, sondern im impliziten Gedächtnis, und das feuert schneller, als der Verstand mitkommt.

Man kann es mit einem Rauchmelder vergleichen, der darauf programmiert wurde, bei bestimmten Personen anzuschlagen. Ob gerade wirklich etwas brennt, prüft er nicht; er reagiert auf das Muster. Daher die Anspannung schon auf dem Hinweg, die Wachsamkeit über den ganzen Besuch und die Erschöpfung danach. Denn stundenlang auf Habachtstellung zu sein, zehrt enorm.

Bemerkenswert finde ich vor allem eines: Diese Reaktion ist kein Zeichen von Schwäche. Sie zeigt, wie gut der Körper damals aufgepasst hat, als es nötig war.

Welche Kindheitserfahrungen führen dazu, dass sich ein erwachsener Mensch in Gegenwart seiner Eltern bis heute klein, schuldig, minderwertig oder hilflos fühlt und welche Rolle spielt dabei verbale Gewalt?

Zwank: Kinder formen ihr Selbstbild aus dem, was die wichtigsten Bezugspersonen ihnen immer wieder zurückspiegeln; die Bindungsforschung nennt das ihr inneres Arbeitsmodell (nach Bowlby). Wer als Kind hundertfach hört, er sei zu laut, zu viel, zu empfindlich, eine Enttäuschung, der übernimmt diese Stimme irgendwann als seine eigene. Und deshalb schrumpft der erwachsene Mensch im Wohnzimmer seiner Eltern nicht, weil dort real Gefahr droht, sondern weil das Kind von früher innerlich mit am Tisch sitzt.

Damit sind wir beim vielleicht hartnäckigsten Irrtum, nämlich dass Worte weniger schaden als Schläge. Die Hirnforschung widerlegt diese Annahme. Die Arbeitsgruppe um Martin Teicher fand, dass anhaltende verbale Gewalt durch Eltern für sich genommen Folgen hat, die anderen Misshandlungsformen kaum nachstehen (Teicher et al., 2006). Spätere Studien wiesen sogar Veränderungen in der Hirnstruktur nach, etwa in Nervenbahnen und in sprachverarbeitenden Regionen (Choi et al., 2009; Tomoda et al., 2011).

Gerade die leisen Formen werden unterschätzt: die ständige Abwertung, das Bloßstellen vor anderen, der als Spaß verkleidete Sarkasmus, der eine Blick, der reicht. Scham trifft nicht die Tat, sondern die Person. Aus „Ich habe etwas falsch gemacht" wird „Ich bin falsch". Und daraus führt für ein Kind kein Weg heraus außer dem Rückzug nach innen. „Es waren doch nur Worte" gehört deshalb zu einem der folgenreichsten Sätze, die wir uns über Erziehung erzählen.“

Eltern können sich den Kontaktabbruch oft nicht erklären. Oft hört oder liest man, dass „…doch eigentlich nichts Gravierendes“ passiert ist. Können Beziehungen an vielen kleinen Verletzungen zerbrechen?

Zwank: „Ja - und darin liegt womöglich das größte Missverständnis von allen. Wir stellen uns seelische Verletzung als Erdbeben vor, als den einen dramatischen Moment. Meistens ist es aber Erosion, der Tropfen, der über Jahre denselben Stein aushöhlt. Ein einzelner richtet nichts aus. Es sind die zehntausenden, die den Schmerz verursachen.

Es gibt einen Moment in meinen Vorlesungen und Seminaren, in dem es schlagartig still wird – genau dann, wenn ich sage, dass es eben oft gar kein großes Ereignis gab. Einige Teilnehmende schreiben mir danach, sie haben sich jahrelang schuldig gefühlt, weil ihnen genau dieses eine „ausreichend schlimme" Ereignis fehlte, um ihren Abstand zu rechtfertigen. „Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein", zweifeln sie oft ihre eigene Gefühlslage an. Doch ihr Handeln und ihre Emotionen sind dennoch gerechtfertigt. Ihnen fehlt nur das eine Erdbeben, weil es bei ihnen die Erosion war.

Das Nervensystem legt diese vielen kleinen Kränkungen nicht als Liste einzelner Vorfälle ab, sondern als Grundstimmung einer Beziehung. Genau daraus entsteht die schiefe Erinnerung: Die Eltern denken an einzelne Episoden („Das war doch halb so wild"), während das erwachsene Kind das Klima eben dieser Beziehung trägt. Dass es hinterher nicht den einen Grund nennen kann, liegt schlicht daran, dass es nie nur der eine Grund war.

Die Entfremdungsforschung bestätigt das. Ein Kontaktabbruch ist fast nie ein plötzlicher Knall, sondern der Endpunkt eines langen Prozesses (Pillemer, 2020). Dass das große Ereignis fehlt, beweist also nicht, dass nichts war. Es erklärt nur, warum sich die eigenen negativen Gefühle so schwer in Worte fassen lassen.“

„Jedes Geschwisterkind hat andere Eltern.“

Warum erinnern sich Eltern, erwachsene Kinder und Geschwister oft so unterschiedlich an dieselbe Kindheit? Wie kann eine Situation für den einen beiläufig gewesen sein, während sie sich beim anderen tief eingeprägt hat?

Zwank: „Weil Erinnerung keine Videoaufnahme ist, sondern eine Rekonstruktion, gefärbt von dem Platz, an dem man stand. Da spielt zunächst die emotionale Wucht hinein: Das Gehirn speichert besonders tief, was es als bedrohlich erlebt hat. Eine Szene, die dem sicher gebundenen Geschwisterkind nebensächlich vorkam, hat sich beim verletzlicheren eingebrannt, weil dessen Alarmsystem sie als wichtig markierte.

Dazu kommt etwas, das viele überrascht: Geschwister wachsen streng genommen gar nicht in derselben Familie auf. Die Verhaltensgenetik spricht von der „nicht geteilten Umwelt" (Plomin & Daniels, 1987; 2011). Jedes Kind hat ein anderes Temperament, eine andere Rolle, eine andere Position in der Geschwisterreihe, und dieselben Eltern reagieren auf jedes anders. Das Lieblingskind und das Sündenkind saßen am selben Tisch, aber sie hatten nicht dieselben Eltern.

Und schließlich Macht und Blickwinkel. Wer die Macht hatte, erinnert den Schaden schwächer, er hat ihn ja nichts gekostet. Wer die Macht nicht hatte, erinnert den Preis, den er dafür zahlen musste. So können zwei Menschen beide bei der Wahrheit bleiben und trotzdem zwei verschiedene Kindheiten erzählen.“

 

Überforderung, Erschöpfung, fehlende Vorbilder: Die Geschichte der Eltern erklärt ihr Verhalten, entschuldigt es aber nicht.

Warum waren oder sind manche Eltern der vorangegangenen Generation so? Welche Rolle spielt ihre eigene Kindheit? Waren sie einfach härter im Nehmen?

Zwank: „Wir erziehen fast immer aus der eigenen Vorlage, meist ohne es zu merken. Die Forschung zur Weitergabe von Bindung über Generationen zeigt das eindrücklich: Aus dem Bindungsmuster der Eltern lässt sich das des Kindes mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit vorhersagen (van IJzendoorn, 1995). Was unbearbeitet bleibt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weitergereicht.

„Früher war man eben härter im Nehmen" halte ich für einen Mythos. Diese Menschen waren nicht widerstandsfähiger, sie waren häufig nur noch weiter von ihrem eigenen Schmerz getrennt. Wer sagt „mir hat es auch nicht geschadet", stellt selten eine Diagnose; oft beschreibt er unfreiwillig ein Symptom. Und dann sind da noch Überforderung, fehlende Vorbilder, eigene ungestillte Bedürfnisse, manchmal einfach die Erschöpfung des Alltags.

Das fehlende Verständnis heute ist obendrein oft Selbstschutz. Den Schaden wirklich anzuerkennen, hieße, sich der eigenen Kindheit und der eigenen Schuld zu stellen. Das ist für viele kaum auszuhalten. Mir ist dabei eine Unterscheidung wichtig: Die Geschichte der Eltern erklärt ihr Verhalten, sie entschuldigt es nicht. Und die Wunden der Eltern zu heilen, ist nicht Aufgabe des Kindes. Verstehen darf Frieden bringen, ganz ohne, dass daraus wieder Nähe werden muss.“

Das Bedürfnis nach einer intakten Familie ist groß, das gesellschaftliche Verständnis für einen Kontaktabbruch kaum vorhanden. Warum ist das so und wann lohnt es sich, um eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung zu kämpfen?

Zwank: „,Blut ist dicker als Wasser!’ gehört zu unseren heiligsten Erzählungen. Wer sie bricht, rührt an einem Tabu und erntet schnell ein Urteil. Ein Kontaktabbruch stellt außerdem das Familienbild aller anderen in Frage, und da ist es bequemer, dem Kind Undankbarkeit zu unterstellen, als die eigene Geschichte anzuschauen. Nur ist Loyalität zu einer Rolle etwas anderes als Liebe.

Kämpfen lohnt sich, wenn sich beide Seiten bewegen. Wenn ein Elternteil Verantwortung übernehmen kann, ohne sofort ins Rechtfertigen zu rutschen. Wenn er die Sicht des Kindes aushält, auch wenn sie wehtut. Wenn Grenzen respektiert und nicht bestraft werden. Eine Beziehung, die schwierig ist, sich aber bewegt, ist die Mühe wert.

Wenn dem Kind allerdings nur die Rolle des Stoßdämpfers bleibt und es immer weiter Schaden aufsaugen soll, damit der andere sich nicht ändern muss, ist der Beziehungserhalt nicht erstrebenswert. Eine Tür lässt sich auf Dauer nicht von einer Seite allein offenhalten.“

Gibt es sinnvolle Abstufungen zwischen Kontakt halten und Kontakt abbrechen?

Zwank: „Ja, und zwar viele. Zwischen „alles wie bisher" und „gar kein Kontakt" liegt ein großes Spektrum, und der vollständige Abbruch steht am Ende dessen. Man kann Grenzen innerhalb des Kontakts ziehen. So können beispielsweise bestimmte Themen tabu sein, Besuche kürzer gehalten werden, Treffen auf neutralem Boden stattfinden und man kommt mit dem eigenen Auto, um jederzeit gehen zu können. Man kann den Kontakt bewusst herunterfahren, ihn seltener und oberflächlicher gestalten. Man kann eine befristete Pause einlegen, die ein Atemholen ist und kein Urteil. Und man kann zu den eigenen Bedingungen in Verbindung bleiben, mit einem Brief statt eines Besuches oder einem Treffen nur im Beisein von jemandem, der einen erdet.

Der Sinn ist dabei nie Strafe, sondern die kleinstmögliche Distanz, bei der man sich selbst noch treu bleibt. Nicht selten rettet eine klare Grenze sogar die Beziehung, die ein Abbruch beendet hätte.“

Wie wirkt sich die eigene Elternschaft auf die Sicht auf die eigene Kindheit aus?

Zwank: „Für viele ist es der Moment, in dem das Bild plötzlich schärfer wird: Wenn man das eigene weinende, wütende, anhängliche Kind im Arm hält, spürt man sehr unmittelbar, was so ein kleiner Mensch braucht, und begreift oft im selben Atemzug, wie viel man selbst gebraucht hätte. Das kann in zwei Richtungen kippen, manchmal in beide zugleich. Die einen denken: „Wenn ich das meinem Kind niemals antun könnte, warum haben sie es mir angetan?", und durchleben eine späte, klärende Trauer. Andere werden milder: „Jetzt verstehe ich erst, wie schwer das ist.“

In meinen Vorlesungen erzähle ich oft von einem Vater, der sein schreiendes Neugeborenes im Arm hielt, es kaum beruhigen konnte und trotzdem keine Sekunde auf den Gedanken kam, es anzuschreien oder einfach hinzulegen. Und wie ihn dabei ein Satz überfiel, der ihm den Boden unter den Füßen wegzog: So klein und hilflos war ich auch einmal. Wenn ich an diese Stelle komme, sehe ich im Publikum, wie es viele mitten ins Herz trifft.

Selma Fraiberg hat für diese Wucht das schöne Bild der „Gespenster im Kinderzimmer" gefunden: Unbearbeitete eigene Kindheitserfahrungen melden sich ausgerechnet dann zu Wort, wenn man selbst Eltern wird (Fraiberg, Adelson & Shapiro, 1975). Beruhigend ist ein anderer, gut belegter Befund: Ob sich das Muster fortsetzt, entscheidet nicht das Erlebte selbst, sondern ob man es verarbeitet und in eine stimmige Geschichte gebracht hat. Wer die eigene Kindheit verstanden hat, ist deutlich freier, es anders zu machen.“

Wie ist es mit den Enkelkindern? Soll ich ihnen den Umgang mit den Großeltern ermöglichen oder raube ich ihnen ein Stück Identität, wenn ich ihnen das vorenthalte?

Zwank: „Ich würde die Frage umdrehen. Kinder haben ein Recht auf Sicherheit, aber keine Pflicht zu einer Beziehung, die ihnen schadet. Identität wächst nicht aus einem Titel wie „Oma" oder „Opa", sondern aus tragfähigen Beziehungen. Du nimmst deinem Kind also nichts weg, wenn du es vor einem Muster schützt, das dir selbst geschadet hat, und diese Muster wiederholen sich in der Enkelgeneration häufiger, als man denkt. Mal abgemildert, mal nicht.

Trotzdem lohnt sich auch hier der differenzierte Blick. War die Dynamik schwierig, aber nicht verletzend, können begleitete und begrenzte Treffen mit den Großeltern für ein Kind ein echtes Geschenk sein. Die Frage ist aber eben nicht nur „blutsverwandt oder nicht", sondern: Ist diese Beziehung sicher und gut für mein Kind?“

„Der Kontaktabbruch ist selten die Wunde – meist ist er die Narbe.“

Abschließend fasst Prof. Dr. Julia Zwank zusammen: „Eines wird in der Debatte rund um den Kontaktabbruch fast immer übersehen. Wir behandeln die Blutsverwandtschaft zu den Eltern als verpflichtende Biologie zur Nähe. Dabei sagt die Biologie eher das Gegenteil: Dasselbe Bindungssystem, das ein Kind an seine Eltern bindet, ist auch das, das Alarm schlägt, wenn von ihnen Gefahr ausgeht. Wenn ein erwachsener Mensch bei jedem Kontakt in Daueranspannung gerät, ist das kein Charakterfehler und keine Undankbarkeit. Es ist ein Körper, der ein altes, nie quittiertes Warnsignal zu Ende sendet.

Ob sich der Weg zurück lohnt, lässt sich nüchterner beantworten, als man denkt. Vier ehrliche Fragen helfen dabei, den ersten Impuls von einer wirklich begründeten Entscheidung zu unterscheiden:

- Wurde das Verletzende klar benannt, und war das Gegenüber überhaupt fähig, es zu hören?

- Ist Veränderung realistisch, oder wiederholt sich dasselbe Muster seit Jahren?

- Sind die milderen Stufen ausgeschöpft, also Grenzen, weniger Kontakt, eine Pause?

- Und die vielleicht ehrlichste Frage: Geht es mir mit diesen Menschen über die Jahre besser oder schlechter – nicht an einem guten Tag, sondern in der Bilanz?

Denn Versöhnung gelingt dort, wo die verletzende Seite Verantwortung übernehmen kann, und sie scheitert dort, wo Nähe nur um den Preis der eigenen Gesundheit zu haben ist (Pillemer, 2020). Dieser Preis ist übrigens keine Metapher, sondern messbar; die Forschung nennt den körperlichen Verschleiß aus chronischem Stress „allostatische Last" (McEwen, 1998). Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht „Wie halte ich die Familie zusammen?" sondern: „Was genau halte ich da zusammen, und auf wessen Kosten?“

Ein Kontaktabbruch ist fast nie der Anfang eines Konflikts. Er ist das Ende eines jahrelangen, unbeantworteten Rufes nach Veränderung. Wer ihn wählt, kündigt nicht die Liebe. Er zieht die Konsequenz aus einer Antwort, die nie kam.“

Frau mit langen, braunen Haaren und rotem Hemd steht lächelnd vor einer Treppe, umgeben von Pflanzen und einem modernen Gebäude.
SRH Fernhochschule – The Mobile University

Seit über 30 Jahren setzt sich die unbefristet staatlich anerkannte SRH Fernhochschule – The Mobile University dafür ein, dass Studierende ihren Traum vom Hochschulabschluss in jeder Lebenssituation verwirklichen. Fast 200 Mitarbeitende begleiten und unterstützen rund 12.000 Menschen auf ihrem Bildungsweg. 74 staatlich anerkannte Bachelor- und Master-Studiengänge sowie über 170 Hochschulzertifikate im Online-Studium geben schon heute die Antwort auf das, was morgen gefragt ist.